Ankommen.
Neuanfänge nach Flucht und Vertreibung


Wir wissen kaum etwas über die Familie auf dem Bild nicht genau, woher sie kommt, und auch nicht, wohin sie unterwegs ist. Aber es ist das Jahr 1945 und sie ist auf der Flucht mit dem Pferdewagen. Die drei Kinder – eines davon noch ein Säugling – mögen noch nicht verstanden haben, was „Flucht“ bedeutet, und auch die Erwachsenen haben es vielleicht noch nicht ganz realisiert, aber sie würden bald merken, dass sie „weg“ müssen. Sie lassen anvertraute Gegenden und vertraute Gewohnheiten hinter sich. Und dennoch: Ihre Sprache und bestimmte Begriffe, Erinnerungen und Bräuchen begleiten sie weiterhin, markieren sie aber auch als „Fremde“ und „Neue“ in Westdeutschland, das für viele Ziel ihrer kaum planbaren Fluchtroute war.
Die Bilder der Flucht 1944/45 sind tief in der deutschen Erinnerungskultur verankert; Bilder von Trecks und Flüchtenden sind in Schulbüchern und Fernsehfilmen zu finden. Über die Flucht scheint einiges bekannt. Das Ankommen, das „Danach” der Flucht und Vertreibung der Deutschen aus dem östlichen Europa ist dagegen womöglich weit weniger präsent. Wir haben diesen Umstand daher zum Anlass genommen, um den Neuanfängen nachzuspüren:
Wo kamen die Heimatvertriebenen an; was fanden sie vor und wie richteten sie sich in der „neuen Heimat“ ein?
Was brachten sie aus der „alten Heimat“ mit, welche Erinnerungen, aber auch Hoffnungen begleiteten sie?
Wie sah ihr Alltag aus; was beschäftigte sie; wie wirkten die Veränderungen auf ihr Leben ein und beeinflussten ihre Wahrnehmung?
Diese Fragen stehen im Zentrum, wenn das Ankommen in den Blick genommen wird. Die Bilder geben eine Idee davon, wie schwer Neuanfänge sein können und wie Zugehörigkeit nach der Flucht dadurch gesellschaftlich neu ausgehandelt wird.
Ankommen bedeutet Neuorientierung. Bisweilen mündet es in Orientierungslosigkeit oder Einsamkeit am neuen Ort. Aber es kann auch für positive Veränderungen und einen geglückten Anfang unter anderen Vorzeichen stehen.
Die Familie R. aus dem Banat ist so ein Fall: Als sie dem Volkskundler Johannes Künzig im Sommer 1955 von der „alten Heimat“, ihrer Flucht und dem Neubeginn auf einer Bauernstelle berichten, kommen sie mit dem Traktor – nahezu ein Statussymbol – zum Termin, verdeutlichen aber auch, dass es bis dahin ein weiter Weg war, dass ihr Ankommen nicht reibungslos verlief.

Ihre Geschichte als eine unter unüberschaubar vielen zeigt, dass das Ankommen keine Selbstverständlichkeit oder sogar ein Automatismus ist, sondern ein Prozess, der beidseitig in Gang gehalten und von vielen Faktoren beeinflusst wird: Das Angekommen-Sein und das Aufgehen unter den Einheimischen sind hier eine Anerkennung, aber eine, die auch auf die bisherigen Erfahrungen und Fähigkeiten aufbaut.
Das Ankommen derjenigen, die vorher noch „Flüchtlinge“ geschimpft wurden, verweist also nicht nur auf die Zukunft, sondern auch auf einen Umgang mit der Vergangenheit.
Tonarchiv des IKDE, Band 160, aufgenommen in Rheinbischofsheim am 23.8.1955, Prof. Dr. Künzig spricht mit Konrad R. aus Liebling (Kedvencz), Banat, Rumänien.
Die Archivbestände, durch die wir hier von heute aus auf das Ankommen blicken, stammen größtenteils aus den Archiven des IKDE. Die Bild- und Tonaufnahmen sind ein Fenster in die Vergangenheit; sie bieten uns tiefgreifende Einblicke in ein wesentliches Kapitel der Geschichte der Deutschen des östlichen Europa. Dabei erzählen sie vom Neubeginn, seinen Schwierigkeiten und Chancen, von kollektiven Herausforderungen und individuellen Schicksalen.
Inzwischen scheinen sie als Zeugnisse einer Zeit, die vergangen ist; längst sind die damaligen Flüchtlinge und Vertriebenen in der Mehrheitsgesellschaft aufgegangen. Das Thema des Ankommens bleibt jedoch bestehen. Es berührt nicht nur die Menschen, die als Fremde und Neue dazukommen, sondern auch die sie aufnehmenden Gesellschaften. Womöglich spiegelt sich ein Teil der Geschichte also auch in der Gegenwart.
Kuratorinnen
Veronika Králová, Jana Stöxen, Teresa Volk, Alexandra Waliño Fernandez



