Zwischen Ankunft und Aufbruch – Leben im Lager

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Freiburg-Betzenhausen. 
Ein Durchgangslager im Fokus

Zur Bewältigung der anhaltenden Fluchtbewegungen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs richteten staatliche Stellen zunächst Grenz- und Durchgangslager ein. Diese fungierten als administrative Knotenpunkte: Hier erfolgten Registrierung, medizinische Erstuntersuchung sowie die Zuweisung in Aufnahmeregionen. Ziel war eine möglichst rasche Verteilung der Flüchtlinge und Vertriebenen auf die Gemeinden im gesamten Bundesgebiet, entsprechend der verfügbaren Unterbringungsmöglichkeiten in Lagern oder privatem Wohnraum.

Aufgrund der kriegsbedingten Wohnraumzerstörung entstanden zahlreiche sogenannte Wohnlager, meist an den Peripherien von Städten und größeren Ortschaften. Sie waren als temporäre Einrichtungen konzipiert, entwickelten sich jedoch vielfach zu längerfristigen Wohnorten. Die Unterkünfte befanden sich häufig in umgenutzten Kasernen, Barackenanlagen, ehemaligen Arbeitslagern, Fabrikgebäuden oder eigens errichteten Notbauten

In Südbaden blieb die Zahl der Flüchtlinge zunächst gering, da die französische Besatzungsmacht die Aufnahme größerer Zahlen von Geflüchteten lange verweigerte. Erst unter wachsendem Druck der USA und Großbritanniens öffnete sie im Frühjahr 1949 ihre Zone. Am 31. Mai 1949 wurde in Freiburg-Betzenhausen ein zentrales Landesdurchgangslager eingerichtet – auf dem Gelände eines ehemaligen Internierungslagers für frühere NSDAP-Mitglieder.  

Vor einer Holzbaracke hängt Wäsche auf gespannten Wäscheleinen. Daneben stehen eine Schaukel und ein Sandkasten mit spielenden Kindern.
Flüchtlingslager Freiburg-Betzenhausen, März 1953.

In Betzenhausen waren die Flüchtlinge in insgesamt zehn Wohnbaracken untergebracht, die sich größtenteils in einem schlechten baulichen Zustand befanden. Besonders in den ersten Jahren stellte die extreme räumliche Enge eines der größten Probleme dar. In den Barackenräumen lebten häufig bis zu sechs Familien gleichzeitig; teilweise mussten sich bis zu zwanzig Personen einen Raum teilen.

Unter diesen Bedingungen war ein normales Familienleben kaum möglich. Um zumindest ein Mindestmaß an Privatsphäre zu schaffen, trennten die Bewohner ihre Bereiche provisorisch voneinander ab, etwa durch gespannte Decken oder aufgestellte Schränke.

Erst mit der Einrichtung weiterer Durchgangslager in Kirchzarten und Eichstetten entspannte sich die Situation allmählich. Dadurch verringerte sich die Belegung des Lagers in Betzenhausen, sodass die zuvor überfüllten Räume schrittweise in kleinere, familiengerechtere Wohneinheiten aufgeteilt werden konnten.

Vielfalt der Herkunft

Menschenmenge vor einer Holzbaracke
Baracke der Leitung des Flüchtlingslagers Kirchzarten, 1950er-Jahre. Bildarchiv des IKDE, Signatur: Fk11488.

Im Durchgangslager trafen Menschen unterschiedlicher sozialer und regionaler Herkunft aufeinander. Im Alltag des Lagers, wie etwa in den Warteschlangen vor den Verwaltungsbaracken, begegneten sie sich.

Während Ende der 1940er-Jahre vor allem Heimatvertriebene aus Siebenbürgen und dem Banat nach Freiburg kamen, die bereits mehrere Jahre in österreichischen Lagern verbracht hatten, folgten ab 1950 Vertriebene aus Pommern sowie aus Ost- und Westpreußen, die zuvor in Lagern in Dänemark und Schleswig-Holstein untergebracht gewesen waren. Im Laufe der 1950er-Jahre kamen zudem Flüchtlinge aus der sowjetischen Zone und Aussiedler aus Russland, Polen, der Tschechoslowakei, Rumänien und dem damaligen Jugoslawien hinzu.

Die meisten besaßen nur das Nötigste. Viele waren durch den Krieg, aber auch durch Flucht und jahrelange Aufenthalte in unzureichend ausgestatteten und überfüllten Lagern traumatisiert.

Die Lagerkirche als Mittelpunkt

Eine Holzbarracke mit einem einfachen Glockenturm.
Lagerkirche im Flüchtlingslager Freiburg-Betzenhausen, 1950er-Jahre. Bildarchiv des IKDE, Signatur: Fk11490.

Die Lagerkirchen waren in vielen Durchgangslagern zentrale Orte des religiösen und sozialen Lebens. Sie dienten nicht nur dem Gottesdienst, sondern auch als Treffpunkte für gemeinschaftliche und kulturelle Aktivitäten. Kirchliche Vertreter begleiteten die Neuankömmlinge, halfen bei der Orientierung und unterstützten dabei, Kontakte zu knüpfen sowie Arbeit und Wohnraum zu finden. 

Ein Beispiel dafür ist die Lagerkirche im Lager Betzenhausen in Baracke Nr. 13: In einer schlichten Holzbaracke mit kleinem Glockenturm eingerichtet, wurde sie von katholischen und evangelischen Gläubigen gemeinsam genutzt und prägte als religiöser und sozialer Mittelpunkt das Lagerleben. Bis 1952 diente sie unter anderem als Unterkunft für alleinstehende Jugendliche. 

Struktur und Alltag

Menschen in einer Schlange in der Kantine.
Flüchtlingslager Freiburg-Betzenhausen, Essensausgabe.

Der Lagerkomplex in Freiburg-Betzenhausen umfasste 14 Baracken. Neben Wohnbaracken und der Lagerkirche befanden sich hier Filialen von Arbeits- und Landesamt, die Großküche und der Speiseraum. Die Mahlzeiten wurden dreimal täglich zentral ausgegeben.

Sechs spielende Kinder vor einer Holzbaracke.
Spielende Kinder vor einer Baracke des Flüchtlingslagers in Freiburg-Betzenhausen, 1950er-Jahre. Bildarchiv des IKDE, Signatur: Fk11493.

Ein eigener Kindergarten und Schülerhort unterstützte die Betreuung der Kinder und erleichterte den Familienalltag. Die Schulen befanden sich meistens außerhalb der Flüchtlingslager, sodass die Kinder täglich mit einheimischen Kindern und der neuen Umgebung in Kontakt kamen. Obwohl Flüchtlingskinder häufig als Außenseiter betrachtet wurden, war der Schulbesuch dennoch ein wichtiges Mittel der Integration und machte viele von ihnen zu wichtigen Vermittlern zwischen der alten Heimat ihrer Eltern und dem neuen Leben nach der Flucht.

Für viele Geflüchtete war die Zeit im Lager von der Suche nach Arbeit und Wohnraum bestimmt, nicht selten erschwert durch Vorbehalte innerhalb der einheimischen Bevölkerung. Manche blieben nur wenige Wochen, andere über Jahre. Vor allem ältere Geflüchtete hielten lang an der Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat fest.

1959 wurde das Lager nach rund zehn Jahren im Zuge des expandierenden Wohnungsbaus abgerissen. Heute erinnert in Betzenhausen nur noch wenig an das ehemalige Aufnahmelager. Das Phänomen von Flucht und Vertreibung ist jedoch weiterhin präsent und bleibt Teil gesellschaftlicher Auseinandersetzungen.

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Eine Person geht auf einer von Häusern gesäumten Straße.
Eine „neue Heimat“ entsteht. Die Reichswaldsiedlung als Ort des Ankommens

 

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