Die Reichswaldsiedlung als Ort des Ankommens
Wohnraum war nach dem Zweiten Weltkrieg knapp – viele Städte waren zerstört und auch für die „Neuen“, die von Flucht und Vertreibung Betroffenen, mussten Wohnungen und Häuser her. Vielerorts entstanden daher neue Siedlungen, so auch im Reichswald bei Kleve (Nordrhein-Westfalen), dicht an der Grenze zu den Niederlanden. Neben der lokalen Bevölkerung sollten hier ab 1951 Heimatvertriebene aus Schlesien, Pommern, West- und Ostpreußen, dem Sudetenland sowie Siebenbürgen leben. Dazu wurde der Wald ab 1948/49 gerodet, nach Minen abgesucht, begradigt, sodass die Siedlung entstehen konnte. Der Bedarf, eine „neue Heimat“ zu schaffen, war groß.
Aufbau und Neubeginn

Nicht „auf der grünen Wiese“, aber doch aus einem zuvor unbebauten Gebiet sollte die Reichswaldsiedlung entstehen. Zunächst gab es Barackenlager und Waldwege, bald entstanden Häuser und später auch geteerte Straßen. Doch zunächst fehlte es an allem: Viele Geflüchtete kamen nur mit dem Nötigsten an. Dennoch: 1952 lebten hier bereits rund 560 Menschen. Bauern- und Gärtnerfamilien erhielten größere Grundstücke, um diese zu bewirtschaften, Handwerksleute kleinere, um die Landwirtschaft im Nebenerwerb zu betreiben oder sich selbst zu versorgen.

Wenige Jahre nachdem das Land noch wüst und leer war, schreibt der Volkskundler Johannes Künzig im August 1952 schon von Familien, die sich hier ganze „Grossgärtnereien“ eingerichtet haben.
Über 1.000 Pfirsichbäume stehen schon das 2. Jahr, Erdbeeren und Tomaten haben reiche Ernte gebracht.
Verlusterfahrung – und neue Hoffnung

Die Menschen, die im Reichswald ankommen, sind motiviert sich wieder etwas aufzubauen; viele hatten vorher bereits Bauernhöfe oder Handwerksbetriebe und versuchen daran anzuknüpfen.
Familie F. aus Westpreußen berichtet jedoch, dass „ein Vergleich schlecht zu ziehen“ sei, wenn man die verlorene Heimat bedenke: Zuhause seien sie „fast etwas verwöhnt“ gewesen, hatten selbst Land und probierten sich nun im Neuanfang. Dass sie das nicht allein für sich, sondern auch für die nächsten Generationen schaffen wollten, motivierte sie – nur, „dass wir nicht wieder flüchten müssen und noch einmal frisch anfangen“, ist ihnen in diesem Moment ein besonderes Anliegen. Aus den Worten der Menschen spricht Hoffnung, aber auch die Verlusterfahrung, die sie geprägt hat.
Tonarchiv des IKDE, Band 48. Aufgenommen in der Siedlung Reichswald bei Kleve im Jahr 1952 bei Familie F. aus Ellerwald, Westpreußen, Republik Polen.
Eigenheim und Existenzgründung

„Tüchtig“ und „stattlich“ sind die wohlmeinenden Worte, die fallen, wenn es um die Reichswaldsiedlung geht, in der neben Wohn- und Wirtschaftshäusern auch Gärten entstanden waren. Im Rahmen des „Flüchtlingssiedlungsgesetzes“ hatten die „Heimatvertriebenen“ ein „Existenzgründungsdarlehen“ in Höhe von 5.000 DM erhalten, eine Art Wirtschaftsförderung. Teilweise neideten die Einheimischen den „Neuen“ dieses Startkapital, jedoch glichen sich die Verhältnisse rasch an – und auch erkannt wurde, dass die Heimatvertriebenen trotz finanzieller Unterstützung ein eigenes, schweres Päckchen zu tragen haben. Das kulturelle Gepäck der Flucht machte aus, dass etwa die Memelländer – wie Herr S. es erzählt – die Flusslandschaften ihrer Herkunftsregion vermissten und sich schwerer an die Gegend gewöhnten, und die Preußen die Pferde den Traktoren vorziehen würden. Im Nachhinein wirkt das banal, im Angesicht der Zwangsmigration sind dies jedoch die Parameter, an denen die „neue Heimat“ gemessen wird.
Kulturkontakt und Verflechtung
Später wurden Oster-, Mai- und Weihnachtsbräuche zum Thema, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede abzugleichen, das Eigene zu verteidigen oder aber auch etwas von dem der jeweils anderen Deutschen aus dem östlichen Europa zu übernehmen. Der Kulturkontakt, der in der Reichswaldsiedlung so zwangsläufig wie normal ist, sorgt für kulturelle Verflechtungen.
Am Anfang aber ist das Erntedankfest im September 1951, mit dem die Einweihung der Reichswaldsiedlung offiziell begangen wird. Neben neuen Bewohnerinnen und Bewohnern und der Nachbarschaft kommt hoher Besuch: Der nordrhein-westfälische Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (und spätere Bundespräsident), Heinrich Lübke (CDU) besucht den Festakt, der durch den Umzug mit Erntekrone, Musik und Tanz zu einem wichtigen, identitätsstiftenden Ereignis wird.

Obwohl die Heimatvertriebenen, die hier ankamen, alle aus unterschiedlichen Regionen stammten, haben sie sich durch die geteilte Erfahrung von Flucht, Vertreibung und Neuanfang gewissermaßen „zusammengerauft“: „Früher war der Pommer dem Schlesier so fremd wie nur irgendeiner. Und hier begannen sie nun unter gleichen Bedingungen, treffen sich täglich […] vergleichen sich untereinander, heiraten aber auch schon zusammen“, summierte Künzig.
Tonarchiv des IKDE, Band 61. Aufgenommen in der Siedlung Reichswald am 8.10.1952. Lehrer Robert K. G. spricht mit Johannes Künzig.
Gerade die nächsten Generationen erachteten womöglich bald darauf schon nicht mehr Rastenburg oder Elbing, sondern die Reichswaldsiedlung als ihr Zuhause. Die uniforme Siedlung mit den ähnlichen Häusern und den geraden Straßen ist ein Sinnbild dafür, was hier aus der Katastrophe von Krieg, Flucht und Vertreibung neu entstanden ist.

