Sammeln, Forschen, Bewahren

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Johannes Künzig und die Heimatvertriebenenvolkskunde

Zwei Frauen und ein Mann sitzen vor einem Mikrofon.
Johannes Künzig und Waltraut Werner-Künzig bei Tonaufnahmen mit der aus Slawonien vertriebenen Anna Z.; Freiburg 1958. Bildarchiv des IKDE, Signatur: Nx00256.

Der zum badischen Volkslied promovierte Volkskundler Johannes Künzig (1897–1982) hat es als seine Lebensaufgabe verstanden, die Kultur und Lebensweise der Deutschen im und aus dem östlichen Europa zu erforschen und zu dokumentieren. Bereits in der Zwischenkriegszeit unternahm er Reisen ins östliche Europa. Auch im Zweiten Weltkrieg konnte er seine Forschungstätigkeit zu den „Volksdeutschen” fortsetzen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit lag sodann in der Nachkriegszeit darauf, die Erinnerungen und Erfahrungen der Heimatvertriebenen, die während und nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verloren hatten, zu bewahren. 

Neben Tonaufnahmen mit Vertriebenen, die er ab 1951 durchführte, initiierte er auch Aufrufe zur Einsendung von volkskundlichen Überlieferungen der Alltagskultur im östlichen Europa sowie Schilderungen von Flucht und Vertreibung u. v. m. Ein zentraler Aspekt seiner Forschung und Sammlungstätigkeit war auch die Integration der Vertriebenen in der neuen Heimat. 

Im Kontext dieser sogenannten Heimatvertriebenenvolkskunde baute Künzig zusammen mit seiner Assistentin und späteren Ehefrau Waltraut Werner-Künzig (1923–2012) über Jahrzehnte hinweg ein umfangreiches Archiv auf – das den Grundstein für das heutige Institut für Kulturanalyse der Deutschen des östlichen Europa bildet. 
 

Von Krndia in Slawonien nach Petze in Niedersachsen – schwere Arbeit und widrige Lebensbedingungen

Eine ältere Frau steht mit einer Katze im Arm im Freien vor einem Lattenzaun.
Anna Z. in Petze, 1953. Bildarchiv des IKDE, Signatur: Nx00239.

Neben Flüchtlingslagern und später neu gebauten Siedlungen wurden Vertriebene vielerorts in Privathäusern und -wohnungen untergebracht. Die aus Krndia in Slawonien stammende Frau Z. kam zusammen mit weiteren Flüchtlingen am 13. März 1946 in Petze, Kreis Hildesheim in Niedersachsen an, wo sie vom dortigen Bürgermeister einer Familie zugeteilt wurde. Sie bekam ein Zimmer und arbeitete dafür. 

Die Unterbringung von Vertriebenen in Privathäusern und -wohnungen brachte einige Herausforderungen mit sich. Viele Vertriebene hatten Schwierigkeiten, sich in ihre neue Umgebung einzuleben. Nicht selten gab es Konflikte zwischen Vertriebenen und Einheimischen. Auch für die einheimische Bevölkerung, die nun ihr Eigentum mit Fremden teilen musste, war die Situation herausfordernd. 

Handschriftlich geschriebenes Brief.
Ausschnitt eines Berichts von Anna Z. an Johannes Künzig. Archiv der Einsendungen des IKDE, Signatur: E/07/004.

In einem Bericht vom Oktober/November 1954, den Anna Z. Johannes Künzig zukommen ließ, beschreibt sie ihre Lebensbedingungen: Zu ihren täglichen Arbeiten zählten vor allem das Melken der Kühe und die Feldarbeit. Sie berichtet von kärglichen Essensrationen, die sie dort bekommen hat, und dass ihr die Lebensmittelmarken abgenommen worden seien. Sie schildert die rohe Art und Weise, wie sie behandelt wurde: Das wenige mitgebrachte Eigentum wurde ihr weggenommen, sie wurde bedroht und immer wieder als „Hexe“ und „Zigeunerin“ beschimpft. Als Fremde war sie nicht willkommen.

Aufwertung erfuhr Anna Z. durch die Lieder und Erzählungen, die sie aus der „alten Heimat“ mitgebracht hatte: Die Künzigs hatten sie über viele Jahre hinweg begleitet und zahlreiche Tonaufnahmen mit von ihr gesungenen Volksliedern angefertigt. Neben Liebes- und geistlichen Liedern gibt es auch eine Tonaufnahme, auf der Anna Z. aus einem Brief an ihren Sohn vorliest. Darin berichtet sie von ihrem Treffen mit Johannes Künzig in Petze. Der Sohn war, wie viele weitere Flüchtlinge und Vertriebene, nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA ausgewandert.

Tonarchiv des IKDE, Band 88/II, aufgenommen am 20./21.09.1955 in Petze.

„Kulturelle Bestandsaufnahme über die Heimatvertriebenen in Baden-Württemberg“ – eine volkskundliche Umfrage

Ein vorgedruckter Formular. Ausschnitt.
Erhebungsbogen, Stadt Waldkirch, 1956. Archiv der Einsendungen des IKDE, Signatur: E/29/005.

Im Jahr 1956 – und damit einige Jahre nach der Ankunft der Flüchtlinge und Vertriebenen in der neuen Heimat – initiierten Prof. Dr. Johannes Künzig als Leiter der Badischen Forschungsstelle für Volkskunde in Freiburg und Prof. Dr. Helmut Dölker als Leiter der Württembergischen Landesstelle für Volkskunde in Stuttgart eine Umfrage zur Integration der Heimatvertriebenen in badischen und württembergischen Städten und Gemeinden. Den dreiseitigen „Erhebungsbogen“ erhielten Lehrer und Flüchtlingsobmänner, die darin Auskunft über die Situation von Heimatvertriebenen und Einheimischen geben sollten. Im Erhebungsbogen finden sich Fragen zur Siedlungsbildung, zu Kenntnissen und Fähigkeiten der Heimatvertriebenen (z. B. Handwerk, Landwirtschaft) und zu kulturellen Einflüssen durch Heimatvertriebene auf die Gemeinden.

Die Wohnsituation der Heimatvertriebenen gestaltete sich in den einzelnen Gemeinden sehr unterschiedlich. Mancherorts siedelten sich nur einzelne Familien an, andernorts entstanden Wohnblocks oder ganze Straßenzüge bzw. Siedlungen, in denen die Straßen zum Teil Namen mit Bezug zur alten Heimat erhielten, z. B. „Pommernstraße“.

Ein vorgedruckter Formular. Ausschnitt.
Erhebungsbogen, Stadt Waldkirch, 1956. Archiv der Einsendungen des IKDE, Signatur: E/29/005.

In vielen Erhebungsbögen wird eine „Vermischung“ von Heimatvertriebenen und Einheimischen durch Heirat genannt, so auch im Bogen der Stadt Waldkirch (Landkreis Emmendingen), der von dem Lehrer Wilhelm B. ausgefüllt worden war. Heimatvertriebene in Waldkirch haben sich seinen Angaben zufolge über den „Bund vertriebener Deutscher“ (BVD) und die Sudetendeutsche Landsmannschaft Elztal organisiert und Bräuche aus ihrer Heimat weiterhin gepflegt, z. B. das Erntedankfest, das Sommeransingen, Krippenspiele und Wallfahrten. Ebenfalls initiierten sie einen Tag der Heimat, der ab 1947 zusammen mit der einheimischen Bevölkerung begangen wurde. Über die Haltung der einheimischen Bevölkerung zu diesen mitgebrachten Bräuchen äußert sich B. nur knapp, nämlich dass sie sich „teilweise zustimmend, teilweise uninteressiert“ zeige.

Fragebögen als historische Quellen

Die Angaben in den Erhebungsbögen sind zumeist sehr subjektiv. Die Befragten, also Lehrer und Flüchtlingsobmänner, waren in der Regel selbst keine Heimatvertriebenen, sondern „Einheimische“. Dennoch, oder gerade deswegen, sind die 1.563 Fragebögen aus 1.437 badischen Gemeinden, die im IKDE in Freiburg aufbewahrt werden, wertvolle Zeitzeugnisse der Integration der Heimatvertriebenen in den 1950er-Jahren.

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Ein Mann und eine Frau sitzen auf einem Traktor vor einem Haus, daneben stehen ein weiterer Mann und eine Frau.
Ankommen. Neuanfänge nach Flucht und Vertreibung
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