Bei Gewerbe-Ausstellungen, in Gaststätten und in Museen wurde im späten 19. und im frühen 20. Jahrhundert mit dem Ein- bzw. Aufbau von „Bauernstuben“ ein stilisiertes Bild von Ländlichkeit erzeugt. Diese Inszenierung sollte einen Gegenpart zur im Prozess der Modernisierung befindlichen städtischen und ländlichen Gegenwart bieten. Immer wieder rekurrierte man dabei auf das westböhmische Egerland. Der intensive Kontakt mit dem adeligen und bürgerlichen Badepublikum Karlsbads, Marienbads und Franzensbads hatte hier früh zu einer Stilisierung der ländlichen Kultur geführt, die von Heimatkundlern wie Alois John und Josef Hofmann eine zunehmend nationale Fundierung erhielt. Auch seiner besonderen politischen Situation wegen wurde das Egerland seit der Jahrhundertwende als volkskundliche Musterregion betrachtet. Die “Egerländer Bauernstube“ wurde zum Ort von Volkskunst und Volkskultur stilisiert und mit Werten wie Familie, Frömmigkeit, Authentizität konnotiert. In den 1930er-Jahren wurde die Stube immer mehr zum ideologischen Konstrukt.
Der Vortrag zeichnet die Entwicklung der inszenierten bäuerlichen Stube vom idyllischen Sehnsuchtsort des frühen 20. Jahrhunderts hin zum nationalsozialistischen „Kultraum“ der 1930er-/1940er-Jahre nach.
Der Vortrag findet im Rahmen des Begleitprogramms zur Ausstellung „Einfach schön? Politisierung »deutscher Volkskultur« aus dem östlichen Europa“ statt. Nach Stationen in Stuttgart, Herne und Ulm ist die vom IKDE entwickelte Wanderausstellung noch bis zum 17. Oktober 2026 im Haus des Deutschen Ostens in München zu sehen.
