Ethnopolitik, Ethnonationalismus, Ethnomarketing, Ethnofood, – diese Schlagworte verweisen darauf, dass die Bezugnahme auf Herkunft und darauf basierender Identität in unterschiedlichen Bereichen des gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Lebens eine wichtige Rolle spielt. Während v.a. in den 1990er-Jahren vor dem Hintergrund einer Globalisierungseuphorie teilweise ein Bedeutungsverlust von ethnischen Phänomenen prognostiziert wurde, lässt unsere Gegenwart Gegenteiliges vermuten. So selbstverständlich dabei ethnische Kategorien in alltäglicher Praxis, medialen Diskursen, politischen Entscheidungen oder ökonomischer Inwertsetzung aufgerufen werden, so wenig reflektiert ist dabei häufig das Konzept der Ethnizität.
Im Mittelpunkt des Seminars steht die Beschäftigung mit theoretischen Texten und Positionen zu „Ethnizität“. Neben Literatur aus dem Fachzusammenhang der Empirischen Kulturwissenschaft kommen u.a. auch soziologische Arbeiten in den Blick. Wir beschäftigen uns dabei mit historischen bzw. ‚klassischen‘ Texten genauso wie mit neueren Publikationen. Auf diese Weise vertiefen wir das im Seminar erworbene Theoriewissen auch wissenschafts- bzw. fachgeschichtlich. Entsprechend ist die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit zum Teil komplexen theoretischen Texten Voraussetzung einer ertragreichen Seminarteilnahme.
Weiterer Schwerpunkt des Seminars ist die Rückbindung theoretischer Perspektiven an konkrete Fallbeispiele. Wie können diese theoriegeleitet empirisch-kulturwissenschaftlich untersucht werden? Im Seminar erproben wir die forschungspraktische Anwendung von Theorien anhand von Archivmaterialien aus dem IKDE sowie aktuellen Beispielen mit Bezug zum östlichen Europa.
In den Blick kommen dabei u.a. historische Phänomene des Nation Building (z.B. tschechische Nationalbewegung) und der Konstruktion von Minderheiten (z.B. ‚Sudetendeutsche‘), die Reflexion der Fachgeschichte der deutschsprachigen Volkskunde im/zum östlichen Europa als ‚Ethnowissenschaft‘ sowie aktuelle Formen der Instrumentalisierung von ethnischer Zugehörigkeit in politischen Feldern (z.B. Migrationsdebatten) und Kommodifizierung von Ethnizität (z.B. im Marketing). Die Teilnehmenden des Seminars können auch gerne selbstgewählte Fallbeispiele mit Bezug zum östlichen Europa in das Seminar einbringen.