Die im ländlichen Jahreslauf populären Erntedankfeste erfuhren im Dritten Reich verbunden mit dem NS-Bauernkult eine starke politische Instrumentalisierung. Als nach dem deutschen Überfall auf Polen deutschstämmige, meist bäuerliche Menschen aus der Bukowina, Ostgalizien und Wolhynien ab 1940 in den angegliederten Teil Südpolens umgesiedelt wurden, wurde in Saybusch (Żywiec) nach einer Testfeier im Vorjahr 1942 das Erntedankfest des Gaus Oberschlesien gefeiert. Choreografiert von NS-Behörden und -Dienststellen mündeten die Feierlichkeiten in einen großen Umzug. Hier waren nicht nur bäuerliche Betriebe und Veredlungsfirmen landwirtschaftlicher Produkte vertreten, sondern auch Abordnungen verschiedener NSDAP-Gliederungen. Mit dieser Inszenierung sollten nicht nur die Umgesiedelten integriert und ideologisch eingebunden werden. Vielmehr sollte der noch nicht vertriebenen polnischen Bevölkerung unmissverständlich verdeutlicht werden, dass ihr Gebiet nun zum Reich gehörte und ihnen allenfalls eine inferiore Rolle zugebilligt wurde.
Dr. Dr. h. c. Hans-Werner Retterath (geb. 1956) ist Diplomsoziologe und promovierter Europäischer Ethnologe (Doktorarbeit zur Ethnizitätskonstruktion der Deutschamerikaner). Von 1994 bis 2021 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter, ab 1998 als stellvertretender Leiter, im Johannes-Künzig-Institut (heute: Institut für Kulturanalyse der Deutschen des östlichen Europa) in Freiburg i. Br. tätig. Forschungsschwerpunkte: russlanddeutsche Aussiedler/innen, Städtepartnerschaften, Vertriebenendenkmale, Kulturgeschichte der „auslandsdeutschen Volkstumsarbeit“.
Der Vortrag findet im Rahmen des Begleitprogramms zur Ausstellung „Einfach schön? Politisierung »deutscher Volkskultur« aus dem östlichen Europa“ statt. Nach Stationen in Stuttgart, Herne und Ulm ist die vom IKDE entwickelte Wanderausstellung noch bis zum 17. Oktober 2026 im Haus des Deutschen Ostens in München zu sehen.
