Quartalston 4/2026

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Tonarchiv IKDE Freiburg, Band 70/II, aufgenommen in Sigmaringen, März 1953

Aberglaube und Wunschdenken. Orakelbräuche in der dunklen Jahreszeit

Das Unbekannte macht den Menschen Angst, aber strahlt auch einen gewissen Reiz aus. Besonders die dunklen Herbst- und Winternächte, die sich nun ankündigen, beflügeln den Glauben an das Übernatürliche. Die Raunächte, die mit Bräuchen und Aberglauben belegt sind, stehen um den Jahreswechsel an, doch bereits zuvor geben Bauernregeln und Volksfrömmigkeit einige entscheidende Daten vor, etwa die Nacht zum Andreastag am 30. November. Sie gilt als Losnacht, in der Entscheidungen über Leben und Tod, künftige große Lieben, Glück und Unglück offenbart werden – so der landläufige Glaube.

Durchaus habe man an Zauberei geglaubt, und sich vor ihr gehütet, wenn es draußen früher dunkel wird: „Da ham ‘mer so verschiedene Hex’n ferng’hulten und allerhand auf des Zukunft aussag’n wulln“, fasst Herr L. die Bräuche in der Andresinacht zusammen. Anderswo las man aus dem Kaffeesatz oder die Karten wurden einem gelegt. Im Böhmerwald jedoch wurde offenbar zur Weissagung Blei gegossen – heute, wenn auch meist als Wachsgießen, eher ein Silvesterbrauch.
Erhitztes Blei als Medium der Vorhersage wird bereits seit der Antike in kaltes Wasser gegeben, um ein Orakel zu erhalten: Aus den „Figuren, die was da entstanden san, da ham ‘mer also auf die Zukunft verschiedene Prophezeiungen g’mocht“, summiert der Lehrer den Brauch. Mutmaßlich ohne Packungsbeilage mit Bedeutungslisten, aber stattdessen mit einer Mischung aus Ernsthaftigkeit und Wunschdenken mag das spannende, in Familien- und Freundeskreisen betriebene Prozedere zur Zukunftswerkstatt geworden sein, die den Blick auf die kommende Zeit prägen konnte.

In einer Zeit, in der vieles noch unerklärlich war, keine Wetterapp und keine Vorsorgeuntersuchung die Zukunft zumindest ein Stück weit anreißen konnten, galt eine solche Offenbarung als Blick auf das Kommende. Der Brauch gab (und gibt) eine gewisse Sicherheit, auch wenn er in dieser Form eher Zufall als Prognose oder gar Versprechen war.

 

Tonarchiv: Jana Stöxen

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