Quartalston 2/2026

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Tonarchiv IKDE Freiburg, Band 825, aufgenommen in Freiburg, Juni 1968

„Hat man bei euch ‚Frühjahr‘ gesagt?“ Bauernregeln, Bräuche und die Frage danach, wer und was noch zu hören ist

Die Aufnahme trägt den Titel „Besonderer Festtag im März in Rothammel“. Eigentlich soll es um die Nacht vom 09. auf den 10. März gehen. Sie verheißt – folgt man den Bauernregeln – wenn sie Frost bringt noch 40 weitere, kalte Nächte oder, andernfalls, ein warmes, schönes Frühjahr. Wir erfahren außerdem, dass Frau W., die aus Rothammel an der Wolga im Südwesten Russlands kommt, die „Eisheiligen“ genannten Maifröste nicht kennt. 

Soweit bewegt sich das von Waltraut Werner geleitete Gespräch im Bereich dessen, was wir von den ‚Ostdeutschen Bändern‘ erwarten: Das volkskundliche Interesse ist auf die Spezifiken des Alltagslebens der Deutschen des östlichen Europa gerichtet und nimmt hier neben den landläufigen Wettervorhersagen auch die Benennungen der jeweiligen Bräuche und Jahreszeiten in den Blick.

Anders als bei vielen anderen der ‚Ostdeutschen Bänder‘ weist diese Sequenz jedoch eine Besonderheit auf, die weniger mit ihrem Inhalt zu tun hat. Waltraut Werner leitet die Aufnahme, die offenbar am Ende eines längeren Gesprächs steht, mit den Worten ein „Dann woll’n wir noch so Einzelnes nochmal besprechen, so… geht jetzt nicht so der Reihenfolge nach…“ Sie gibt damit – womöglich unfreiwillig – Einblick in die Abläufe der Interviewsituationen und die Art ihrer Gesprächsführung, in denen Suggestivfragen eher die Regel als die Ausnahme sind; im Geist der Zeit ist ihr Vorgehen keine „Kunst des Reden-Lassens“, sondern folgt deutlichen Vorgaben, Plänen und ‚Reihenfolgen‘. Frau W. erzählt hier dennoch geduldig und anekdotisch – aber wer weiß, was noch zu Tage gekommen wäre, hätte sie selbst die Schwerpunkte deutlicher setzen können?

Die Tonaufnahmen geben damit nicht nur Auskunft über Alltagszusammenhänge und Erfahrungen, sondern liefern uns auch Erkenntnisse über die Heimatvertriebenenforschung, die in dieser Zeit betrieben wurde. Die gestellten Fragen und gesetzten Töne ermöglichen uns, das Gesagte besser zu verstehen und einen Blick ‚hinter die Worte‘ zu werfen. Dass gerade diese Informationen häufig nicht dokumentiert sind, erschwert vielfach die Kontextualisierung der Aufnahmesituationen, lässt aber auch Perspektiven auf das Selbstverständnis der Forschenden und das Verhältnis zu ihren ‚Gewährspersonen‘ zu. Wer und was neben den Protagonistinnen und Protagonisten also noch zu hören ist, kann je nach Fragestellung neben dem eigentlich Gesagten ebenso in den Vordergrund treten.


Literatur:
Schmidt-Lauber, Brigitta: Das qualitative Interview oder: Die Kunst des Reden-Lassens. In: Silke Göttsch/Albrecht Lehmann (Hg.): Methoden der Volkskunde. Positionen, Quellen, Arbeitsweisen der Europäischen Ethnologie. Berlin 2007, S. 165–186.

 

Tonarchiv: Jana Stöxen

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