
Was wir (nicht) sehen. Bilder im Kontext
Eine junge Frau steht in einer Furche und hält mit beiden Händen den Ast eines noch jungen Baumes. Die Landschaft ist im Frühlingserwachen, der vorbereitete Ackerboden noch kahl, die Bäume frisch belaubt. Unwillkürlich stellt sich die Frage nach dem Zweck des Handelns dieses Mädchens. Ein handschriftlicher Vermerk auf der Rückseite des Fotos hilft, die Aufnahme einzuordnen. Ohne diese Informationen könnten wir nur mutmaßen, deuten, projizieren.

Betrachtet man eine Fotografie als historische Quelle, wird deutlich: Bilder sprechen nicht immer für sich selbst. Sie zeigen einen Ausschnitt der Wirklichkeit, eingefroren in einem konkreten Moment, aus einer bestimmten Perspektive. Doch was genau wir sehen, verstehen wir erst im Zusammenspiel mit weiteren Informationen, einem Kontext. Kontextualisierung bedeutet, Fotografien nicht isoliert zu betrachten, sondern sie in ihre Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte einzubetten. Dazu gehören Informationen über den Fotografen, über politische, soziale oder religiöse Zusammenhänge sowie über die Intention der Aufnahme. Ebenso wichtig ist die Frage, warum und wie das Bild überliefert wurde: Wer hat es aufbewahrt, beschriftet, weitergegeben?
Genau hier setzt die Arbeit im Bildarchiv an. Ein wesentlicher Teil archivischer Praxis besteht darin, solche Kontextinformationen zu recherchieren, zu sichern und zugänglich zu machen. Handschriftliche Notizen auf der Rückseite, Begleitdokumente, Serienzusammenhänge oder Provenienz-, also Herkunftsangaben werden erschlossen, geprüft und dokumentiert. Ziel ist es, aus einem isolierten Bild ein historisch verortbares Zeugnis zu machen.
Das Foto von Rudolf Hartmann führt uns vor Augen, wie sehr unsere Wahrnehmung von zusätzlichem Wissen abhängt. Bilder zeigen viel – doch erst im Kontext erzählen sie ihre Geschichte.
Bildarchiv: Veronika Králová