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Zu Gast am IKDE: Unser Stipendiat Tomáš Korbel

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Ein junger Mann steht vor einem Bücherregal.

Im August und September 2026 ist Dr. Tomáš Korbel, Historiker mit dem Schwerpunkte Moderne Europäische Kulturgeschichte, als Stipendiat zu Gast am IKDE. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Geisteswissenschaften der Karls-Universität Prag und befasst sich in seiner Zeit in Freiburg mit einem Projekt zu sudetendeutschen Identitäten in der deutsch-tschechischen Erinnerungslandschaft, u.a. im musealen Kontext.

Im Fokus unseres Instituts liegen ja die Deutschen des östlichen Europa – was verbinden Sie damit? 
Für mich persönlich ist dies eine faszinierende und etwas „seltene“ ethnische Gruppe, die meine Heimat, die Tschechische Republik, kulturell stark geprägt hat, aber in meinem Umfeld aufgrund der immer noch etwas „mythologisierten“ Nachkriegsvertreibung immer noch ein Tabuthema ist. Lange Zeit betrachtete ich sie durch die Brille der klassischen nationalistischen Erzählung von der tschechisch-deutschen Interaktion und Konfrontation, die logischerweise in der Tragödie von 1938 und 1945 mündete – also durch das Prisma der stereotypen „Wir gegen Sie“-Wahrnehmung. Erst während meines Studiums wurde mir bewusst, dass diese sogenannten Sudetendeutschen Teil einer größeren Gruppe osteuropäischer Deutscher waren, und ich begann, sie in diesem breiteren transnationalen Kontext genauer zu betrachten.

Im Hinblick auf Ihr Herkunftsland Tschechischen Republik, das hier am Institut einen Schwerpunkt ausmacht: Wo sind Ihnen denn dort (zum ersten Mal oder besonders prägnant) deutsche Spuren aufgefallen?
Zum einen war das ganz am Beginn meines Studiums, und zum anderen aber, da ich aus dem Riesengebirge/Krkonoše und dem Vorgebirge/Podkrkonoší, dem ehemaligen Sudetenland, stamme. Seit meiner Kindheit bin ich überall auf deutsche Spuren gestoßen – durch mein Interesse an der Geschichte meiner Heimatstadt Trutnov und ihrer Umgebung, der Geschichte der touristischen Infrastruktur in den Bergen, dem untergegangenen Dorf Sklenářovice/Glasendorf in der Nähe meines Wohnorts usw. Dank des deutschen Nachnamens meines Großvaters, der aus einer deutsch-tschechischen Familie stammte, hatte ich weitere Berührungspunkte – auch wenn darüber in unserer Familie mit ihren überwiegend böhmischen Wurzeln nie viel gesprochen wurde.

Zu welchem Thema arbeiten Sie im Rahmen Ihres Stipendiums am IKDE? 
In meiner Forschung untersuche ich die Identitätskonstruktionen in sudetendeutschen Regionen am Beispiel geografisch und sozial abgegrenzter Gebiete des tschechisch-deutschen Geschichtsbewusstseins. Dabei blicke ich insbesondere auf das Adlergebirges, die Iglauer Sprachinsel und das Kuhländchen. Ziel meiner Arbeit ist es, die Entstehung und den Erhalt regionaler Identität im Sudetenland anhand von Symbolen, Akteuren und Institutionen vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart zu erfassen und zu beschreiben. Dabei schaue ich mir unter anderem die identitätsprägende Rolle von Heimatmuseen an.

Mit welchen Fragestellungen befassen Sie sich dabei, und was ist eine Herausforderung in Ihrer Arbeit? 
Als Historiker stelle ich mir vor allem die Frage nach der Entstehung, der zeitlichen Entwicklung und der Funktionsweise dieser historischen Regionen. Ihre Entwicklung vor 1945 spiegelte sich in der konfliktreichen Herausbildung der tschechischen Identität dieser ethnisch gemischten Gebiete wider, insbesondere nach der Gründung der Tschechoslowakei 1918. Nach 1945 herrschten dort neue Bedingungen, die sich auch auf die Erinnerungskultur auswirkten, einerseits für die Exilanten und andererseits im Kontext der ethnischen „sozialistischen“ Säuberung dieser Gebiete. Gleichzeitig interessiert mich, welche Identität vorherrschte – ob die regionale oder die sudetendeutsche – und ob diese zeitlich durch die jeweilige historische Periode bedingt war. Die bisherige Forschung in diesem Bereich konzentrierte sich eher auf die Zugehörigkeit der Bewohner einer bestimmten Region (die eine Voraussetzung für die regionale Identität darstellt) und ist stärker anthropologisch ausgerichtet; hier sehe ich eine Forschungslücke, zu deren Schließung ich beitragen möchte.

Und zum Abschluss: Können Sie uns Literatur empfehlen, die Ihnen bei der Arbeit an diesem Projekt begegnet ist? 
Ein wesentliches Werk für meine Arbeit ist das 2012 erschienene Buch The Lost German East. Forced Migration and the Politics of Memory 1945–1970 des amerikanischen Historikers Andrew Demshuk. Es befasst sich mit dem kulturellen Gedächtnis der Heimatvertriebenen aus Schlesien. Demshuk zeigt darin, dass diese keine schwindende Gruppe fanatischer Revanchisten waren, sondern eine große und vielfältige Gemeinschaft, die sich der Bewahrung gemeinsamer Bilder ihrer Vergangenheit verschrieben hatte. 

Eine weitere Studie ist das 2016 erschienene Werk Cleansing the Czechoslovak Borderlands. Migration, Environment, and Health in the Former Sudetenland des britischen Historikers Eagle Glassheim. Darin beschreibt der Autor auf innovative Weise den Wandel des Sudetenlandes im 20. Jahrhundert vor dem Hintergrund ethnischer Säuberungen und der dystopischen Moderne des Sozialismus.  
Beide Bücher waren für meine Forschung von grundlegender Bedeutung. Dass sie aus einer internationalen Perspektive und ohne nationale Voreingenommenheit verfasst worden sind, hat mich besonders inspiriert.

Tomáš Korbel wird im Rahmen der IKDE-JahrestagungThe “We” in Central and Eastern Europe. Mobilisation and Community Formation in Minority and Diaspora Contextmit seinem Vortrag The Image of the Homeland of the Sudeten Germans: The Identity-Forming Role of Heimat- Museums Einblick in sein Projekt geben – wir freuen uns über Ihr Interesse!