Heimat – Netz – Gemeinschaft. Digitale Plattformen und Gruppen als Kommunikations- und Wissensräume der Deutschen aus Rumänien

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Die Deutschen des östlichen Europa sind bestens vernetzt – auch digital findet ein reger Austausch über Online-Gruppen statt. Besonders Facebook ist hier nach wie vor eine wesentliche Plattform und fungiert über die teils mehrere (Zehn-)Tausend Mitglieder umfassenden Gruppen als Infrastruktur des community building. So auch bei den Deutschen aus Rumänien – insbesondere aus Siebenbürgen und dem Banat –, die sich dort über biografische Erinnerungen und Erfahrungen, aber ebenso über ihre Dialekte und Kochrezepte, über aktuelle Anlässe wie Kirchweih und ihre Reisen nach Rumänien austauschen. Scheinbar ‚kleine Themen‘ verhandeln so nebenbei die ‚großen Linien‘ einer Minderheit, die Rumänien zwar weitestgehend verlassen hat, aber den Bezug dazu durch die saisonale Rückkehr, durch Heimattage und die Heimatortgemeinschaften aufrechterhält. Diese Aktivitäten wurden zunehmend auf den digitalen Raum ausgeweitet und bilden gewissermaßen regional übergreifende Heimatnetzgemeinschaften aus.

An dieser Stelle setzt das Projekt an und beschäftigt sich mit den über Soziale Medien verbundenen Akteurinnen und Akteuren innerhalb ihrer spezifischen Themengruppen, um ihre dortigen Aktivitäten als gemeinschaftsstiftende Prozesse, aber auch potenziell Differenzen manifestierende Identitätspraxen ethnografisch zu fassen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem in ihren Posts und Kommentaren produzierten Wissen und seiner Bedeutung für die Konzeption von Herkunft und Zugehörigkeit in der Minderheit in Deutschland sowie im Rückbezug auf Rumänien.

Zwei Männer begegnen sich auf einer Dorfstraße
Vor-digitale Dialoge waren ein Austausch unter Bekannten – im Digitalen treffen auch diejenigen aufeinander, die sich nicht kennen, aber durch ihr (biografisches) Interesse an Siebenbürgen und dem Banat verbunden sind. Königshof / Remetea Mică / Németremete, Banat, 1998, Sammlung Bo Lönqvist, Bildarchiv des IKDE, Inv. Nr. Fm00285.

Projektdetails

Projektbeteiligte: Jana Stöxen, M.A.

Projektlaufzeit: 2026/27

Von der Kürbis- zur Kommentarspalte. Das Heimatliche im Digitalen - Ein Beispiel

"Ihr kennt sicher die Spalten vom Kürbis, die aus dem Backofen so herrlich geschmeckt haben. Aber in Deutschland finde ich keinen Kürbis, der auch nur annähernd so gut und überhaupt so schmeckt. Hatten wir in Siebenbürgen andere Kürbisse oder ist es bloß Nostalgie? Welche Sorten Kürbis hatten wir in Siebenbürgen."

Ein kleines Mädchen mit einem Kürbis in den Händen
Kind mit Kürbis, Dobrudscha 1931, Nachlass Otto Klett / Johannes Niermann, Bildarchiv des IKDE, Inv. Nr. Rk00362.

Anfang Februar 2026 postet ein Mitglied einer auf die siebenbürgische Küche fokussierten Gruppe diese Frage – kurze Zeit später finden sich darunter über 50 Kommentare und Reaktionen: eigene Erinnerungen an das ‚Soul Food‘ der Kindheit, Mutmaßungen zur Kürbissorte, Hinweise, dass ‚der türkische Laden‘ das Gesuchte führe und Erfahrung mit der Anzucht von Kürbissen.

In der Kommentarspalte geht es vordergründig um den Austausch, das gegenseitige Helfen, das Teilen von eigenen Erfahrungen und Profitieren von anderen. Gleichzeitig tritt hervor, dass es hier um noch mehr geht; das Vokabular macht es deutlich: In den Gruppen und spezifischer noch mit ihren jeweils interessen- und affektgeleiteten Posts thematisieren Menschen, die vielfach als Angehörige der deutschen Minderheit in Rumänien aufgewachsen sind, ihren Bezug zu dieser Herkunft. 

Als ‚heimatlich‘ erinnerte Geschmäcker, aber auch Bilder und Erlebnisberichte fungieren als Vehikel eines Wissensbestandes, der in diesen Posts deutlich aufscheint, aber ebenso flüchtig ist. Die Kommentierenden werden so zu Akteuren eines gemeinsamen Kommunikationsraums sowie einer Wissensgemeinschaft.

An diesem Zusammenspiel aus dem Medium, seiner Nutzung und den Effekten für die Schaffung von Interessengruppen setzt das Projekt an: Es zeichnet die kommunikativen Dynamiken nach, die durch den Online-Austausch um Siebenbürgen und das Banat sowie die Deutschen von dort entstehen, fragt nach Leitthemen und Allianzen, aber auch nach Konfliktbehaftetem und nähert sich so über das Digitale den sozialen Mechanismen an, die Teil der Produktion eines Herkunftswissens sowie seiner Verhandlung sind. Indem es damit die Vergemeinschaftungspraktiken in ihrer digitalen, schnelllebigen und dennoch hochgradig an die Herkunft rückgebundenen Gemeinschaft zu identifizieren sucht, trägt es dazu bei, gegenwärtige, u.a. erinnerungskulturelle Infrastrukturen in ihrer Entstehung und Entwicklung zu begleiten. 

Das Projekt beschäftigt sich daher einerseits mit Blick auf die handelnden – also dort postenden und kommentierenden – Akteurinnen und Akteure mit der Rolle ihrer Gruppen für die Gemeinschaftsbildung und -erhaltung, andererseits mit dem dort produzierten Wissen und seiner Bedeutung für die bisherige, aber gleichsam auch laufend online evaluierte Konzeption von Herkunft und Zugehörigkeit in der Minderheit in Deutschland sowie im Rückbezug auf Rumänien.

Ihre Perspektive auf Online-Gruppen ist gefragt!

Sie sind selbst Nutzerin/Nutzer oder Administrator einer Online-Gruppe, die sich mit Siebenbürgen und/oder dem Banat auseinandersetzt und möchten über ihre Erfahrungen damit sprechen?

Kommen Sie gern auf uns zu! 

Kontakt & Details: jana.stoexen(at)ikde.bwl(dot)de