
Die Ausstellung
Sieben Kapitel und viele Beteiligungsmöglichkeiten
Die Graphic-Novel-Ausstellung zeigt in sieben Kapitel sieben unterschiedliche Lebensgeschichten. „Mit-Misch-Stationen“ eröffnen den Besuchenden vielfältige Möglichkeiten, sich mit der Ausstellung auseinanderzusetzen und das eigene kreative Potenzial zu erproben.
- Das Kapitel Liesl stellt auf Grundlage von historischen Tondokumenten des IKDE eine weibliche Biographie dar. Liesl wurde in Ukraine geboren, kam im Zuge der NS-Umsiedlungspolitik ins Deutsche Reich, wurde nach Kriegsende nach Kasachstan deportiert und gelangte nach vielen harten Jahren schließlich in die BRD.
- Gerd ist der Titel eines Kapitels, das die Geschichte eines Aussiedlers erzählt, der über das Lager Friedland in die BRD gelangte. Viele Jahre später setzt er sich mit seiner Herkunft und Familiengeschichte auseinander. Gemeinsam mit dem Kooperationspartner Museum Friedland hat Gerd hat die Entwicklung der Geschichte begleitet.
- Das Kapitel Rosina wurde auf Grundlage von Materialien aus dem Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde, ebenfalls Kooperationspartner im Projekt, erarbeitet und erzählt eine Geschichte von Flucht, Ankommen und familiärem Zusammenhalt.
- Anna setzt sich wiederum mit einer weiblichen Biographie auseinander und fußt auf Archivunterlagen des IKDE. Ein schweres Ankommen im Nachkriegsdeutschland steht dabei genauso im Mittelpunkt wie Selbstbehauptung und die Suche nach Anerkennung.
- Anastasia, so lautet der Namen einer weiteren Protagonistin und eines weiteren Kapitels. Anastasia kam als Kind und Spätaussiedlerin nach Deutschland und musste sich dort mit der Frage von Identität und Zugehörigkeit auseinandersetzen. Die Geschichte wurde vom Kooperationspartner Stadtmuseum Emmendingen gemeinsam mit Anastasia und auf Grundlage von Gesprächen und familiengeschichtlichen Dokumenten, entwickelt.
- Das Kapitel Theresia entstand auf der Basis von Unterlagen aus dem Donauschwäbischen Zentralmuseum in Ulm, das mit dem IKDE nicht nur in diesem Projekt als Kooperationspartner verbunden ist. Das Kapitel stellt die Frage nach dem roten Faden in einer Lebensgeschichte.
- Ludmilla Bartscht geht im gleichnamigen Kapitel auf die Suche nach ihrer eigenen Familiengeschichte und deren Auswirkungen bis in die Gegenwart. Zugleich reflektiert sie ihren künstlerischen Prozess, zwischen kreativer Praxis, historischer Recherche und persönlicher Betroffenheit.
- Für eine weitere Geschichte hat Ludmilla Bartscht erste künstlerische Impulse gegeben, die von den Besuchenden der Ausstellung aufgegriffen und in Form von eigenen Zeichnungen weitergeführt werden können. Weitere Mit-Misch-Stationen komplettieren das partizipative Angebot der Ausstellung.
Die Vermittlung kulturwissenschaftlicher Perspektiven gemäß § 96 BVFG an eine breite Öffentlichkeit ist eine der zentralen Säulen der Arbeit des IKDE. Ludmilla Bartscht und dem Projektteam ist es auf innovative Weise gelungen, künstlerische Kreativität und wissenschaftliche Expertise in einem Format zu verbinden, das für historische Interessierte wie Graphic-Novel-Fans, Jugendliche und Erwachsene, Wissenschaft und Schule gleichermaßen interessant ist.
„Nachzeichnen“ von Geschichte(n)
Die Graphic Novel als Medium der Erinnerung und kritischen Reflexion
Das Genre der Graphic Novel hat heute Konjunktur. Mit dem Zurücktreten der Erlebnis-Generationen des Zweiten Weltkriegs ist sie zu einer zentralen Kunstform der Gedenk- und Erinnerungspraxis der jüngeren Generationen geworden. Graphic Novels bieten sich buchstäblich für das „Nachzeichnen“ von Geschichte(n) und damit für die Vermittlung an ein breites Publikum an. Sie vermag wie kaum eine andere Kunstform, Leerstellen, Brüche, Widersprüchlichkeiten, Unterbewusstes oder Marginalisiertes sichtbar und zugleich komplexe Inhalte leicht verständlich zu machen.
Aufgrund ihrer Popularität und künstlerischen Potenziale erfahren Graphic Novels und Comic auch seitens der Forschung im Kontext von § 96 BVFG Aufmerksamkeit, etwa im Rahmen einer 2024 am Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa in Oldenburg abgehaltenen Tagung (Tagungsprogramm).
Diese Potenziale des Genres aufgreifend hinterfragt die Ausstellung die oft einseitigen, medial geprägten Seh- und Erzählgewohnheiten in Bezug auf das Kriegsende bzw. vielmehr: in Bezug auf die KriegsEnden. Der Ausstellungstitel ist bewusst im Plural gehalten, da die Graphic Novel die Vielfalt der biographischen Erfahrungen, gesellschaftlichen und politischen Kontexte sowie persönlichen Auswirkungen des Weltkriegsendes verdeutlicht.
Projektteam
Transdisziplinäre Zugänge
Kunst und Wissenschaft im Dialog
Im Projekt „KriegsEnden. Woran wollen wir uns halten?“ arbeiten Wissenschaft und Kunst auf Augenhöhe zusammen, ihre unterschiedlichen Perspektiven ergänzen und befruchten sich gegenseitig. Die Kooperationspartner steuern Material aus ihren Beständen bei, anhand dessen sich Lebensgeschichten rekonstruieren lassen: Historische Fotografien, Interviews und Tonaufnahmen, Briefe, Tagebücher, behördliche Dokumente oder persönliche Gegenstände.
Die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler geben eine quellenkritische Einordnung: Wovon legen die ausgewählten Materialien Zeugnis ab? Welche Fragen lassen sie offen? Welche Widersprüche verbergen sich möglicherweise in ihnen?
Quellengrundlage des Kapitels "Liesl" aus dem Tonarchiv des IKDE (Ausschnitt)
Gemeinsam mit der Künstlerin Ludmilla Bartscht werden daraus Plots für die Graphic Novels entwickelt. Die Künstlerin kann das Quellenmaterial beispielsweise spiegeln, brechen, einzelne Elemente herauszoomen, einfärben, fragmentieren und neu zusammensetzen. Der Wissenschaft erschließen sich durch dieses Ausbrechen aus gewohnten Denk- und Darstellungsweisen neue Wahrnehmungshorizonte, die vielleicht sogar neue Forschungsimpulse geben. Der künstlerische Zugang zum Thema wird wissenschaftlich begleitet und erhält dadurch zusätzlich Reflexionsebenen.
Die Arbeitspraxis im Projekt zeichnet sich also dadurch aus, dass künstlerischer Freiraum und die ästhetische Eigenlogik des Erzählens verbunden werden mit historisch-archivalischen Methoden und kulturwissenschaftlichen Fragestellungen.
Den Besuchenden der Ausstellung eröffnen sich neuartige, intuitive Zugänge zu einem historischen Thema, das im kollektiven Gedächtnis stark von immer wiederkehrenden Bildern und Narrationen besetzt ist.
Stationen der Ausstellung
Erste Station der Ausstellung im Stadtmuseum Emmendingen
Die Vernissage der Ausstellung findet am 21. Juni 2026 im Stadtmuseum Emmendingen statt. Dort wird sie bis zum 8. November 2026 zu sehen sein (weitere Infos im Ausstellungsflyer).

Im Anschluss wird sie von den Kooperationspartnern am jeweiligen Standort, d.h. in Ulm, Tübingen und Friedland, präsentiert. Die genauen Ausstellungsorte und -termine werden bekanntgegeben.
Das Projekt wird gefördert von der Baden-Württemberg Stiftung sowie vom Schroubek Fonds Östliches Europa:




