Quartalston 1/2026

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Tonarchiv IKDE Freiburg, Band 1158, aufgenommen in Freiburg im Breisgau im November 1979

Der Ofen, Mittelpunkt des Hauses

„Schaun’s..!“ Herr U. (Jg. 1921) hat Mühe, Frau Dr. Werner-Künzig im Gespräch begreiflich zu machen, wie die Öfen im Wolgagebiet ausgesehen haben und wie sie in den Wohnhäusern der Deutschen dort verbaut wurden: Anders als ein einzelner Kamin für die Wohnstube saßen die Öfen in diesem Fall mitten im Haus, um mit ihrer Wärme alle Räume zu erreichen. 

Sie wurden von der Küche her beheizt, jedoch konnte man – oder: „die Hausfrau“, wie Werner-Künzig festhielt – das Brennmaterial und die Glut ganz nach Bedarf im inneren des Ofens in die ‚richtige Ecke‘ – eben die des zu heizenden Raumes – rücken, um dort für wohlige Temperaturen zu sorgen. Verbrannt wurden dabei nicht unbedingt Holz oder gar Kohlen, sondern „Mistholzsteine“, eine Art Brikett aus getrocknetem und gepresstem Dung und Stroh, die durch die Tierhaltung ohnehin anfielen und so verwertet wurden.

Die entstehende Wärme hatte vielfältigen Nutzen: Das Essen wurde zwar auf einem separaten Herd gekocht, aber zum Teekochen, Wäschetrocknen, zum Warmhalten von Speisen oder für den Aufenthalt am Abend mit Tätigkeiten wie dem Stricken, Nähen und Stopfen, die in den Winter gehörten, war der Ofen bestens auf die eckige Form des Hauses abgestimmt.

Das weitverbreitete Sprichwort „Eigner Herd ist Goldes wert“ löst sich auch für die Öfen insbesondere in den kalten Wintern ein: Die „kleine Stube“ ist in dieser Zeit nicht nur abends Aufenthaltsraum und Wohnzimmer, sondern wird auch zum Schlafzimmer, das entsprechend beheizt wird.

Wenn Herr U. so eindringlich vom Ofenbau und der Nutzung spricht, geht es daher nicht allein um technische Details und Maßangaben; es schwingen auch sensorische Eindrücke mit: Der Geruch der Heizmaterialien, der Geschmack des auf dem Ofen gekochten Tees, das Gefühl, wenn man nach einem Wintertag die klammen Hände reibt und im Warmen langsam wieder auftaut, womöglich auch die ein oder andere Brandnarbe, die man sich beim unachtsamen Heizen zugezogen hat. Diese Eindrücke sind wesentlicher Teil einer Erinnerung, die sicherlich Wehmut, aber eben auch Wärme zurücklässt.

Wolgagebiet

Herr U. kommt aus der Gegend von Unterwalden, einem Ort an der Wolga, der heute Podlesnoe heißt und in der Nähe der westrussischen Städte Saratow und Engels liegt. Letztere war von 1924 bis 1941 Hauptstadt der autonomen Wolgadeutschen Republik.
Die Wolgadeutschen kamen im 18. Jahrhundert überwiegend aus Südwestdeutschland auf Geheiß der Zarin Katharina der Großen in die Region. Sie wurden angeworben, um auf dem Gebiet Landwirtschaft zu betreiben und erhielten einen Sonderstatus, der die Selbstverwaltung begründete und ihre Sprache bewahrte. Auch in der Sowjetunion blieb diese Gliederung zunächst erhalten, jedoch waren auch die Bauern hier von der Kollektivierung betroffen.
Die Wolgadeutsche Republik hatte bis 1941 Bestand; mit dem Angriff des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion gerieten die dort lebenden rd. 400.000 Deutschen unter Generalverdacht und wurden nach Sibirien und Zentralasien zur Zwangsarbeit geschickt. Bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie Repressalien ausgesetzt und durften etwa ihren Wohnort nicht frei wählen.
Im Zuge des Bundesvertriebenengesetztes übersiedelte die Mehrheit der Wolgadeutschen als (Spät-)Aussiedler v.a. in den 1990er-Jahren in die Bundesrepublik Deutschland. Sie werden zu den sog. Russland- oder auch Sowjetdeutschen gezählt; ihnen widmet sich das Museum für Russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold.

 

Tonarchiv: Jana Stöxen

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