Sagenarchiv

Hexen, Drachen, Kobolde – Lutz Röhrichs „Sagenarchiv“ im IKDE Freiburg

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An einem Regal mit grünen Schubern hängt ein kleines Schild mit der Aufschrift "Sagenarchiv"
Die ursprüngliche Aufbewahrung der „Totensagen“-Belege.

Bekannt sind Sagen über Hexen, die auf Besen fliegen und sich auf dem Blocksberg treffen. Aber haben Sie schon einmal etwas von einem Bilwißschneider gehört, einem kleinen Kobold, der nachts durch Kornfelder schleicht? Eine Quelle für Forschungen zu prominenten und weniger bekannte Sagen-Figuren ist das im IKDE befindliche Sagenarchiv des Volkskundlers und Erzählforschers Lutz Röhrich (1922–2006).

Er begründete das „Sagenarchiv“ im Jahr 1971. Nach seinem Tod betreute es seine Mitarbeiterin Getraud Meinel (1933–2015). Röhrich war von 1967 bis 1990 Professor am Institut für Volkskunde der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und einer der führenden Erzählforscher seiner Zeit. Im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekts legte er das „Sagenarchiv“ an, das 1998 an das heutige IKDE übergeben wurde und dort seitdem zur Nutzung bereitsteht.

Das „Sagenarchiv“ beinhaltet ca. 150 thematische Sammlungen aus dem deutschsprachigen Raum, die verschiedenen Kategorien zugeordnet wurden. So finden sich hier zum Beispiel „Dämonologische Sagen“ von übernatürlichen Wesen wie Hausgeistern, Zwergen, Riesen oder aber auch unbekannteren Figuren wie den Bilwiß. Röhrich hatte außerdem einen Zettelkatalog des Volkskundlers Will-Erich Peukert (1895–1969) übernommen, in dem dieser bibliographische Nachweise verschiedener Sagen in Sagensammlungen verzeichnete. Peukert veröffentlichte u. a. auf Grundlage dieses Katalogs Werke zum Thema Sagen und Aberglaube – oft mit einem Fokus auf dem schlesischen Raum. Der Zettelkatalog war im Rahmen seiner Forschungen für das mehrbändige „Handwörterbuch der Sage“ (1961–1963) entstanden. 

Eine Hexenpuppe hängt vor einem Regal mit grünen Schubern.
Eine dekorative Hexenpuppe hängt vor den Schubern des „Sagenarchivs“

Bei Röhrichs „Sagenarchiv“ handelt es sich um kein Archiv im engeren Sinne, sondern vielmehr um eine thematische Sammlung. Sammeln heißt auch Ordnung halten, und entsprechend legten Röhrich und seine Mitarbeitenden die Belege in über 1.000 Schuber fassenden Regalen ab. So charakteristisch diese Aufbewahrungsform vor allem auch im Zusammenspiel mit dem sich über die Jahre angesammelten „sagenhaften“ Zubehör (siehe Abb.) anmutet – die Beschaffenheit der Schuber sowie Büroklammern und Plastikfolien sind in konservatorischer Hinsicht problematisch. Um das „Sagenarchiv“ auch für die Zukunft zu erhalten, werden die Dokumente daher aktuell in eine archivgerechte Lagerung überführt. Schuber müssen säurebeständigen Mappen und Kartons weichen, sämtliche Tacker- und Büroklammern wie auch Plastikhüllen werden entfernt. Im Zuge dieser Arbeit wird die Sammlung zudem auf Konvolutebene inventarisiert und kann so noch besser genutzt werden. 

Neben einem Teller mit Tackerklammern liegen ein Tackerklammerentferner, ein Bleistift und zwei kleine Schilder.

Auch wenn die von Röhrich gesammelten Sagen Teil historischer Erzähl- und Tradierungspraktiken waren, sind sie bis in unsere Gegenwart aufschlussreich. Anhand der Materialien lässt sich beispielsweise zeigen, inwiefern Sagen als Träger für gesellschaftliche und moralische Vorstellungen fungieren. In diesem Punkt sind sie mit heutigen Urban Legends oder mit im Internet geteilten Mystery-Geschichten vergleichbar. In Vergangenheit und Gegenwart gaben bzw. geben solche Erzählungen zudem einfache Erklärungen für unerklärliche oder komplexe Zusammenhänge. So ist es vielleicht auch heute noch einfacher, extreme Wetterbedingungen auf eine Wetterhexe – oder andere fiktive Wesen – zu schieben, als nach komplexen Ursachen (wie den Klimawandel) und herausfordernden Lösungen zu suchen. Die Themen, die sich auf Grundlage von Röhrichs Sammlung potentiell bearbeiten lassen, gehen also über die Frage nach einzelnen Sagen-Figuren hinaus.

Literatur: 

Bönisch-Brednich, Brigitte: Will-Erich Peuckert (1895–1969). Versuch einer Biographie, in: Dies. / Brednich, Rolf Wilhelm (Hg.): „Volkskunde ist Nachricht von jedem Teil des Volkes“. Will-Erich Peuckert zum 100. Geburtstag, Göttingen 1996, S. 15–32. 

Röhrich, Lutz: Einführung in das Freiburger Forschungsprojekt‚ Dämonologische Sagen‘, in: Ders. (Hg.): Probleme der Sagenforschung. Verhandlungen der Tagung vom 27.9.–1.10.1972 in Freiburg, Breisgau, veranstaltet von der Kommission für Erzählforschung der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde, Freiburg 1973, S. 210–219.

Röhrich, Lutz: Sage und Märchen: Erzählforschung heute. Freiburg 1976. 

 

Verfasserin: Sophia Bejenke 
Sophia Bejenke ist studentische Hilfskraft am IKDE und aktuell mit den Arbeiten am Sagenarchiv betraut.