Leidenschaftlicher Erzählstoff-Sammler: Cammanns Familienprojekt "Märchensammlung"

Alfred Cammann (1909 Hannoversch Münden – 2008 Oyten) sammelte über ein halbes Jahrhundert lang mündliches Erzählgut und besaß dabei besonderes Talent, Menschen zum Erzählen zu bringen. Hierbei half ihm seine Frau Luise Cammann, die ihn auf seinen Erhebungs- und Feldfahrten stets begleitete. Die Erträge der Sammelarbeit schlugen sich in umfangreichen Publikationen nieder, die zu Standardwerken der popularen Märchenliteratur zählen. 2019 konnte das IKDE seinen Nachlass übernehmen.
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Alfred Cammann galt im 20 Jahrhundert als „der erfolgreichste Märchensammler der Gegenwart“ (R. W. Brednich, 1976, S. 10). Nachdem er bereits in der Zwischenkriegszeit erste Felderfahrungen mit oralen Überlieferungen erwarb, nahm er nach dem Krieg eine systematische Sammlungstätigkeit auf, als sich die „ostdeutsche“ volkskundliche Forschung etablierte, die sich den Flüchtlingen und Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Siedlungsgebieten im östlichen Europa widmete.

„sok munka, sok öröm (viel Arbeit, viel Freude). Viele Jahre haben wir gesammelt, viele Dörfer und Städte haben wir in Ungarn und bei uns im Westen befahren, viele Menschen haben uns erzählt und gesungen, Deutsche hüben und drüben. Mit meiner Frau bin ich allen Helfern und Freunden dankbar verbunden. Diese Arbeit hat uns bei aller Mühe immer wieder Freude gebracht; um es auch den Ungarn sagen zu können, haben wir uns diesen Wahlspruch gesucht."

Alfred Cammann: Einführung, in: Alfred Cammann/Alfred Karasek (Hg.): Donauschwaben erzählen, Band 1, Marburg 1976, Einführung, S. 11.

Begründer der „Forschungsstelle für ostdeutsche Volkskunde in Bremen und Niedersachsen"

Cammann institutionalisierte seine Sammeltätigkeit, indem er die zunächst privat getragene „Forschungsstelle für ostdeutsche Volkskunde in Bremen und Niedersachen“ begründete. Anfangs sammelte er unter den Flüchtlingen und Vertriebenen in seinem näheren Umfeld in und um Bremen, später erweiterte er den Erhebungskreis immer mehr und schloss dabei die Erzähl- und Alltagskultur beinahe aller deutschsprachigen Bevölkerungsgruppen aus dem östlichen Europa ein. Das geografische Spektrum, das Cammann mit seiner Arbeit abdeckte, reicht von Polen über Ungarn, Rumänien, die Slowakei bis in einige Gebiete in der ehemaligen Sowjetunion.

„Als wir […] bei Kassel auf die Leute von Szigetujfalu stießen und Familie Karl Pflum mit Eltern in Calden kennenlernten, […] stießen wir als erstes auf eine solche Familien-Wundergeschichte. Da ist der Onkel als Schuhmacher mit einer Wagenladung Schuhe noch am Heiligen Abend nach Budapest gefahren. Auf der Rückfahrt blieben seine Pferde an der Annenkapelle vor dem Ort wie gebannt stehen. Weder die Peitsche noch gutes Zureden half. Die Pferde standen. Jetzt wurde es dem Onkel ungemütlich, und in seiner Not gelobte er, jede Weihnacht seine gute Stube mit Tannenbäumen und einer Krippe andachtsmäßig einzurichten. Und nachdem er dieses Gelübde abgegeben hatte, war der Bann gelöst. Er hatte es nie vergessen, daß er freventlich am Heiligen Abend gefahren war, und alle Verwandten, auch als wir selbst drei Tage bei Gusti Pflum, dem Vetter, freundlich im Dorf an der Donau aufgenommen waren, haben wir es gehört, alle, auch die Nachbarn und Bekannten sind jede Weihnacht zum Onkel gezogen, um sich seine so wunderbar eingerichtete Stube mit den vielen Tannenbäumen anzuschauen. Die Annenkapelle auf dem Wege nach Budapest steht heute noch, wir haben sie fotografiert."

Alfred Cammann: Einführung, in: Alfred Cammann/Alfred Karasek (Hg.): Donauschwaben erzählen, Band 1, Marburg 1976, S. 28f.

Zu finden sind im Nachlass nicht nur Märchen und Geschichten, sondern auch Lieder, Sagen, Legenden, Schwänke, Witze, Sprichwörter und Redensarten sowie alltägliche Erzählungen – häufig im autobiografischen Kontext. Einen weiteren thematischen Schwerpunkt bilden zeitgenössische Zeugnisse der Kinderwelt: Kinderspiele und Lieder. Das in 260 Archivkartons gelagerte Material des Nachlasses wurde auf Grundlage einer von Cammanns Tochter erstellten Übersicht auf Konvolutebene erschlossen und in einem Inventar verzeichnet.

„Es sind keine historischen Studien, die wir in unserer ‚Quellenkunde‘ treiben, es sind Menschen unserer Zeit, die uns erzählen. Das Märchen ist dabei ein Kommunikationsmittel menschlichen Geistes und mitmenschlicher Gefühlswelt ersten Ranges. Wenn wir die Quellen suchen, geht es in dieser Art Feldforschung zuerst um die menschliche Begegnung, um Anteilnahme und Vertrauen."

Alfred Cammann: Einführung, in: Alfred Cammann/Alfred Karasek (Hg.): Donauschwaben erzählen, Band 1, Marburg 1976, S. 15.
Ein Mann im Anzug sitzt an einem Tisch und erzählt. Neben dem Bild befindet sich eine handschriftliche Aufschrift mit Datierung.
Dass Cammann Zugang zu Menschen fand, beweisen in seinem Nachlass mehrere Kartons voller Grußpostkarten und Tausende Briefe an ihn. Er ließ sich auf den Feldforschungen oft fotografieren. Seine zahlreichen Fotos beschriftete er selbst. Nachlass Cammann, Archiv des IKDE.